Martin Hofmann (MH) unterhielt sich mit Pfarrer Mark Adler (MA) über offene Türen, den Mut zum Neustart und wachsende Gemeinschaft.
Zur Person:
Pfarrer Mark Adler: Aus Berlin stammend lebt der studierte Tenor seit 2005 in Darmstadt, zunächst als Mitglied der Staatstheaters Darmstadt. Seit 2021 ist er Pfarrer in der Paul Gerhardt- sowie der Johannesgemeinde. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

MH: Lieber Mark, wenn man dich im Internet recherchiert, findet man einen abwechslungsreichen Lebenslauf, den man so zusammenfassen könnte: Vom Konzerthaus auf die Kanzel. Wie ist es denn dazu gekommen?
MA: Ich war tatsächlich Opern- und Konzertsänger, bevor ich Pfarrer wurde. Den Wunsch, Pfarrer zu werden, hatte ich schon nach dem Abitur, als ich 19 war. Damals habe ich mich dann aber doch für den Gesang entschieden, weil es für mich der näherliegende Weg war, etwas mit dieser Gabe zu machen. Aber der Gedanke, Pfarrer zu werden, kam dann mit Mitte 40 wieder zurück. Ich hatte das Gefühl, dass ich als Sänger viel erreicht hatte. Aber es gab ja noch etwas anderes, was ich in meinen Leben auch mal machen wollte. Und dann stieß ich bei der Recherche auf ein Studium in Heidelberg: Evangelische Theologie für Quereinsteiger. Ich bin dann da ergebnisoffen rangegangen. Und tatsächlich öffnete sich so eine Tür nach der anderen für mich.
MH: Wie sah das konkret aus?
MA: Zunächst war da der der Studienplatz an sich, der sich mit meinem Hauptberuf vereinbaren ließ. Dann hat das Studium mir auch unglaublich viel gegeben und Freude gemacht. Und im nächsten Schritt, dass die Kirche gesagt hat: „Wir brauchen Leute wie Sie.“ Dann hat die hiesige Landeskirche den Studiengang in Heidelberg anerkannt und ich wurde sogar schon vor dem Abschluss eingeladen, ins Vikariat in Hessen-Nassau zu kommen. Das gab mir zusätzliche Sicherheit, die sehr wichtig war, denn ich musste ja auch Entscheidungen treffen. Da wusste ich dann: Gott möchte, dass ich das mache, er unterstützt mich und er öffnet Türen. Das ging dann auch so weiter. Ich hatte ein tolles Vikariat und bekam dann auch gleich die Stelle, die ich haben wollte, hier in Darmstadt. Meine Familie und ich waren hier ja schon ansässig. Es wäre nicht so einfach gewesen, irgendwo hinzugehen. Insofern war das ein Weg, bei dem ich mir sagte, dass ich das jetzt einfach probiere. Und Gott hat mich dabei total unterstützt.
MH: Das klingt sehr spannend und vor allem mutig. Mir ist aufgefallen, dass deine beiden Berufe mit etwas Abstand ja einige Ähnlichkeit haben: Man performt vor Menschen – mal auf der Bühne, mal im Altarraum – und mit dem Talar schlüpft man ja auch in eine Rolle. Kannst du mit dem Vergleich etwas anfangen?
MA: Ja und nein. (lacht) Mein Sängerberuf hat mir natürlich sehr geholfen, gerade bei den Dingen, die du genannt hast: Vor einer größeren Menge Menschen zu agieren, ist mir nicht schwergefallen. Und „nein“, weil man sich eben doch sehr viel persönlicher auf Menschen einlässt, wenn kein Orchestergraben dazwischen ist. Das war einerseits Neuland für mich, andererseits hatte ich aber auch das Gefühl, dass ich das gut kann. Dass da beides zusammenkommt, ist auf jeden Fall eine gute Kombination.
MH: Was war denn das Ungewöhnlichste in einem Gottesdienst, was Du als Pfarrer erlebt hast?
MA: Ungewöhnlich. (Pause) Also, ich würde nicht von mir behaupten, dass ich unbedingt ein Pfarrer bin, dem es am Herzen liegt, das Originellste und Bunteste zu machen. Ich denke eher, man muss die Menschen da abholen, wo sie sind. Und ein Gottesdienst ist keine Show. Trotzdem kommt es zu ungewöhnlichen Situationen. Mir hat zum Beispiel mal kurzfristig der Kirchenmusiker abgesagt, da war ich dann in einer Doppelrolle. Als Liturg vorne zu stehen und gleichzeitig die Gemeinde bei den Liedern und liturgischen Gesängen mitzunehmen. Und die schöne und berührende Erfahrung war der Wechsel zwischen vorne stehen und am Klavier sitzen. Auf einmal habe ich dann die Gemeinde viel deutlicher singen gehört. Die Leute haben gemerkt: Ohne Orgel müssen wir den Gesang selbst tragen. Manchmal walzt eine Orgel die Gemeinde auch platt. Und da war dann plötzlich das Gefühl, dass man es gemeinsam „über die Bühne bringen“ muss, damit es ein stimmiger und schöner Gottesdienst wird.
MH: Und ungewöhnliche Dinge, die von der Gemeinde eingebracht werden?
MA: Oh, da kann ich mich tatsächlich an eine Trauerfeier von jemandem erinnern, der in einem Harley-Davidson-Klub war. Und die Angehörigen machten auf die Tradition aufmerksam, dass die Freunde vom Klub mit ihren Maschinen kommen und in einem bestimmten Moment ihre Motoren aufheulen lassen. Zuerst war ich da ziemlich skeptisch, aber als es soweit war, war es ein echter Gänsehautmoment. Das hat mich gelehrt, dass man auch als Pfarrer immer sehr über seinen Tellerrand sehen und aufnehmen sollte, was die Menschen brauchen und was deren Welt ist.
MH: In unserem Nachbarschaftsraum schauen wir ja auch schon seit einiger Zeit immer wieder über den Tellerrand. Wenn du daran denkst, was löst da Freude bei dir aus?
MA: Also die größte Freude ist tatsächlich der Vergleich zu vor zwei oder drei Jahren beim Start. Da haben wir uns bei den ersten Treffen schon noch sehr beäugt. Keiner konnte sich so richtig vorstellen, wie das überhaupt gehen soll, die Gemeinden sind so unterschiedlich. Wir sollten Stellwände vollmalen, wer was wo macht. Und das hat sich für mich total positiv entwickelt. Wir sind schon ein Stück zusammengewachsen. Wir kennen die aktiven Menschen aus den anderen Gemeinden mit Namen und wissen aus vielen Gesprächen, dass wir zusammen auch was auf die Beine stellen können. Und vieles haben wir ja auch schon auf die Beine gestellt. Und nicht nur die schönen Dinge, wie Gottesdienste und gemeinsame Aktionen, sondern auch die Frage nach den Gebäuden , die Satzung und diese Dinge, wo man am Anfang hätte man gedacht, das würde ein großes Hin- und Her-Gezerre. Und am Ende ist es dann doch richtig gut gelaufen. Und so bin ich sehr zuversichtlich, dass dieses Zusammenwachsen und „Gemeinschaft entwickeln“ noch weiter gehen.
MH: Was geht denn für dich nur im Nachbarschaftsraum, was in fünf einzelnen Gemeinden gar nicht funktionieren würde?
MA: Wenn ich aus dem Blickwinkel der Paul Gerhardt-Gemeinde schaue, in der ich meinen Schwerpunkt habe – das ist die kleinste Gemeinde im Nachbarschaftsraum – ist es manchmal schwer, Dinge zu organisieren, z.B. Gemeindefeste. Das ist natürlich schöner, je mehr Leute kommen. Da haben zum Beispiel die drei Darmstädter Gemeinden verabredet, dass wir Erntedank gemeinsam feiern. In Griesheim gibt es ja noch ganz andere Traditionen und da existiert dieses Problem vielleicht nicht so stark, dass man zu wenig Leute hat, um hinterher zu feiern. Aber für die Paul-Gerhardt-Gemeinde ist diese gemeinsame Aktion eine echte Bereicherung.
MH: Noch eine persönlichere Frage zum Abschluss. Hast du irgendeine „Superpower“, sprich besondere Gabe, die speziell du in den Nachbarschaftsraum einbringen kannst und deine Kolleginnen und Kollegen nicht?
MA: (lacht) Der Zusatz ist jetzt natürlich das Schwierige. Ich glaube, die anderen können vieles genauso und das auch richtig gut. Aber ich mache zum Beispiel richtig gerne Beerdigungen, weil ich das Gefühl habe, dass ich die verschiedensten Menschen mit ihren Hintergründen sehr gut zusammenbringen kann, so dass sie sich in der Trauerfeier aufgehoben und ihre verstorbenen Angehörigen gesehen und gewürdigt fühlen. Das macht mir sehr große Freude. Die Menschen haben da offene Herzen. Und dann kann ich natürlich auch mein musikalisches Talent nennen. Ich glaube, ich bin der einzige von den Pfarrpersonen im Nachbarschaftsraum, der die Liturgie im Gottesdienst tatsächlich standardmäßig als Wechselgesänge gestaltet. Ich glaube nicht, dass alle Gemeinden das so machen müssen, aber ich finde es wichtig, dass es im Nachbarschaftsraum eine Person im Pfarrteam gibt, die das gerne macht. Und wenn es darum geht, unbekannte Lieder zu lernen, habe ich kein Problem damit, diese der Gemeinde schnell mal beizubringen.
MH: Vielen Dank für das Gespräch und deine Offenheit!
Februar 2026

