Pfingsten ist das Fest, an dem sie uns versprochen ist, die Gegenwart des heilenden Geistes. Können wir sie noch erfahren? Oder ist uns der heilende, der Heilige Geist abhanden gekommen, nach 2000 Jahren? Und wie wäre er dann erfahrbar?
Der uralte Weg der Kontemplation dreht die Richtung um: Wenn ich meinen Geist in die Gegenwart bringe, lehren die christlichen Mystiker, habe ich teil am heilenden Geist.
Heute haben wir neue Erkenntnisse. Heilung verspricht die Psychologie der Achtsamkeit. Messung von Alpha-Wellen bei Meditierenden und bildgebende Verfahren belegen eine Wirkung. Und immer wieder der warnende Hinweis – das gehe natürlich alles auch völlig ohne Religion.
Geht. Mir fehlt da die Substanz. Nehmen diese „neuen“ Methoden nicht unverblümt Anleihen bei dem alten Wissen, das jeder Religion zugrunde liegt? Glaube kann Berge versetzen, wissen wir seit 2000 Jahren. Placebos können heilen, wissen wir seit ein paar Jahren. Warum dann nicht auf das alte Wissen bauen, auf die alte Tradition, auf Gebet, Glaube und Vertrauen?
Meditation
Meditation ist christliche religiöse Praxis, ist Gebet und Gottesdienst. Im Mittelalter kannte man verschiedene Arten des Betens. So unterscheidet Teresa von Avilar drei Formen:
Ratio, Meditatio und Kontemplatio.
Oratio ist das Beten mit Worten, also Fürbitten, Psalmengebete, Gesänge, das Vaterunser.
Meditation ist das Gebet der Versenkung. Man vertieft sich ganz in ein Bibelwort, ein Heiligenbild oder einen frommen Gedanken, kommt so zur Ruhe.
Das kontemplative Gebet schließlich verzichtet auf jeden Inhalt. Es geht um absichtsloses Sein. „Nichts ist jetzt wichtiger“, so eine mittelalterliche Schrift, „außer dem Einen: dass du Gott, in liebender Aufmerksamkeit, die dunkle Wahrnehmung deines eigenen Seins hinhältst …“.
Alle Religionen kennen Wege der Mystik
Es scheint das verbindende Element, der gemeinsame Kern echter Religion zu sein. So bedeutet das Wu-Wei der Daoisten „nur sein“. Bei den Tänzen der Suffis kann einem Hören und Sehen vergehen. Es geht immer wieder darum, den Geist in die Gegenwart zu bringen.
Mystik evangelisch?
Im Protestantismus kennt man nur wenige Mystiker wie die Gesangbuch-Dichter Johann Scheffler (Angelus Silesius) und Gerhard Tersteegen (Gott ist in der Mitte – alles in uns schweige). Von Luther wissen wir immerhin, dass er den Mystiker Tauler schätzte.
Doch im „Lutherjahr“ 2017 kommt ein Werk auf den Markt, in dem der Theologe Volker Leppin, Professor an der Yale-Universität, in seinem Buch „Die fremde Reformation“ den Nachweis unternimmt, dass Luther Mystiker war. Die Reformation erhält einen neuen Aspekt. Die mystische Schrift „Theologia Deutsch“, erscheint 1516 zunächst als Fragment, 1518 vollständig. Herausgeber ist Martin Luther.
Kontemplative Praxis
Kernpraxis der Kontemplation ist, den eigenen Geist vollkommen in die Gegenwart zu bringen. Zentral für mich ist die Frage:
Wann leben wir?
Hören wir genau in unsere Sprache, wird klar: in der Vergangenheit haben wir gelebt. In Zukunft werden wir leben. Unsere ganze Existenz aber, die spielt sich genau jetzt ab. Genau genommen in jedem Jetzt, aneinander gereihter Augenblicke.
Über das aramäische Vaterunser habe ich einmal gelesen, „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ hieße in der Muttersprache Jesu „von Gegenwart zu Gegenwart“.
Den Geist in die Gegenwart bringen kann jeder gesunde Mensch. Kontemplation.
„Gott ist der Gott der Gegenwart“ — Meister Eckart

