Interview mit der Dekanatssynodalvorsitzenden Ulrike Hoppe zur Fusion der Dekanate

Gemeinsam Kirche in Stadt und Land

Zum 1. Januar fusionieren die Dekanate Darmstadt Stadt und Darmstadt Land. Diesem Schritt war ein langer und nicht immer einfacher Prozess vorangegangen. Ulrike Hoppe hat ihn in ihrer Funktion als Vorsitzende der Dekanatssynode über eine weite Strecke hinweg begleitet. Sie kennt Befürchtungen und Bedenken genauso wie Lösungen und Perspektiven und erläutert diese im Interview.

Mehrere Jahre, viele Sitzungen, Ideen, Konzept und Beteiligte. Also alle in allem eine anstrengende Angelegenheit. Warum war es notwendig, dass die beiden Dekanate fusionieren?

In einem ersten Schritt hatte die EKHN beschlossen, dass künftig ein Dekanat mindestens 50.000 Gemeindemitglieder haben muss, denn es gab immer mehr Mini-Dekanate mit wenigen Gemeindemitgliedern. Die Zusammenlegung von Dekanaten wurde dann als Paket beschlossen. Notwendig geworden war das unter anderem, weil es immer weniger Gemeindemitglieder und damit immer weniger Kirchensteuermittel gibt, es gleichzeitig aber auch Geld für die Arbeit in den Gemeinden braucht.

Und wie ging es nach diesem Beschluss weiter?

Das Dekanat Darmstadt Stadt wollte fusionieren. Das Dekanat Darmstadt Land nicht. Eine Delegation hat deshalb auch auf der Kirchensynode dagegen protestiert. Diese beiden Dekanate sind in ihren Strukturen sehr unterschiedlich, so dass die Aufgabe, diese zusammenzuführen, sehr komplex ist. Und so wurde schnell klar, dass der ursprüngliche Fusionstermin verschoben werden musste – von 2019 auf 2022. Dadurch blieb Zeit, sich Argumente, Befürchtungen und Lösungen genauer anzuschauen und sich gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen, wie der andere tickt. Inzwischen sind viele wichtige Dinge wie z.B. Finanzen, Personal, Dekanatssitz und Name geregelt. Alles andere wird sich im Zusammenspiel und im Laufe der Zeit entwickeln und ein neues Gesicht erhalten.

Wer hat sich mit diesen Fragen beschäftigt?

Federführend war die Steuerungsgruppe Fusion. Dort liefen alle Fäden zusammen. Aber diese Gruppe musste nicht alles alleine erarbeiten. So haben Arbeitsgruppen in ihren Bereichen wie beispielsweise Kirchenmusik oder Gemeindepädagogik Konzepte für die gemeinsame Arbeit erstellt. Und zwischendurch haben wir uns auch Hilfe von außen geholt, weil es immer auch wichtig ist, aus der Perspektive von Unbeteiligten auf Ideen, Vorschläge und nächste Schritte zu schauen. So kamen wir Stück für Stück weiter.

Warum stieß die Idee einer Fusion auf so großen Widerstand?

Die Kulturen in Stadt und Land waren zumindest gefühlt sehr unterschiedlich. Im Stadt-Dekanat wurden die meisten Veranstaltungen an zentralen Orten in der Stadt gebündelt. Im Land herrschte dahingegen eher die Dienstleistungsidee vor Ort vor, wobei Veranstaltungen nach Möglichkeit in unterschiedlichen Regionen des Dekanats und in enger Zusammenarbeit mit den Gemeinden vor Ort konzipiert wurden. Das Stadt-Dekanat agierte darüber hinaus auch mit vielen unterschiedlichen Akteuren außerhalb des kirchlichen Umfelds, die im ländlichen Raum kein Gegenüber des Dekanats darstellten. Die Stadt erschien aufgrund dieser Unterschiede eher zentralistisch organisiert. Da wurde befürchtet, dass die Interessen der Landgemeinden hinten runterfallen.

Konnten diese Bedenken zerstreut werden?

Mehr Zeit zu haben und sich besser kennenzulernen hat geholfen, Befürchtungen zu zerstreuen und Verständnis für unterschiedliche Strukturen und Organisationsformen zu entwickeln. Außerdem hat es sehr geholfen, dass auch Prozesse von Land in der Stadt übernommen wurden – beispielsweise Kita-Konferenzen oder regelmäßige Treffen der Gemeindepädagogen. Auch bei den Finanzen wurden Ideen vom Dekanat Darmstadt Land übernommen zum Beispiel beim Finanzausgleich zwischen den Gemeinden, der bisher im Land bewusst getragen wurde vom Solidargedanken, so dass kleine Gemeinden finanzielle Unterstützung unabhängig von der Gemeindegliederzahl bekommen.

Auch der neue Name ist nicht überall auf Begeisterung gestoßen. Was waren die Kontroversen? Wie kam es zum neuen Namen?

Der Prozess war schwierig, weil er sich als emotional hochaufgeladen herausgestellt hatte. Und so gab es beim ersten Namensvorschlag auf einer gemeinsamen Synode mit der Stadt engagierte Diskussionen und zahlreiche Wortmeldungen. Eine Abstimmung war zu dem Zeitpunkt nicht möglich. Evangelisches Dekanat Darmstadt – darin lag die Befürchtung, dass die Landidentität verloren geht. Gleichzeitig gibt es aber auch Regeln für die Namensgebung, die gar keine so große Varianz zulassen. So muss der Name klar und eindeutig aussagen, wo das Dekanat ist. Phantasienamen oder irgendwelche Abkürzungen sind nicht zugelassen. Die Synode sollte darüber nicht einfach nur abstimmen, sondern einbezogen werden. Und so diskutierten Synodale, Kirchenvorstandsvorsitzende und Pfarrerinnen und Pfarrer. Allerdings nicht wie geplant live und gemeinsam, da uns Corona plötzlich einen Strich durch die Rechnung machte. Die Vorschläge wurden per Mail abgegeben. Daraus wurden Favoriten gewählt, diese wurden geprüft und letztendlich stand der zur Abstimmung vorgeschlagene Name fest: Evangelisches Dekanat Darmstadt. Gemeinsam Kirche in Stadt und Land.

Warum hat es der Name schließlich geschafft?

„Gemeinsam“ war uns wichtig. Denn das ist es, was wir wollen – gemeinsam etwas aufbauen. Und mit dem Begriff Kirche können alle etwas anfangen. Wer weiß schon, was Dekanat bedeutet?. Deshalb ist dies eine gute Ergänzung, die dann auch eine Mehrheit, wenn auch im Dekanat Darmstadt Land eine knappe Mehrheit gefunden hat.

Und wo wird das neue Dekanat seinen Sitz haben?

Das war wesentlich weniger strittig. Der Sitz wird Darmstadt in der Kiesstrasse 14 sein. Das ist für alle gut zu erreichen. Das Gebäude bietet alle Möglichkeiten, die wir brauchen und die Immobilie gehört bereits dem Dekanat. Alles andere wäre mit weiteren, kaum kalkulierbaren Kosten für Miete oder Bau verbunden gewesen. Alle Argumente sprachen also für Darmstadt.

Was wird sich jetzt verändern?

Zunächst wird sich gar nicht so viel verändern. Viele Prozesse laufen erst einmal in den gewohnten Bahnen weiter und werden nach und nach an die neue Situation angepasst. So werden zu Beginn keine Stellen gestrichen. Aber perspektivisch ändert sich dadurch etwas, dass freiwerdende Stellen nicht mehr besetzt werden können. Das betrifft vor allem die Dekanatsverwaltung.

Wo wird das einzelne Gemeindemitglied eine Veränderung spüren?

Das einzelne Gemeindemitglied wird von der Fusion erstmal nichts merken. Aber es können viele Vorteile entstehen. Bisher hat man nicht so viel von den Aktivitäten aus Darmstadt mitbekommen. Jetzt wird es gemeinsame Veröffentlichungen geben, so dass deutlich wird, was wo los ist, so dass jeder diese Angebote nutzen kann. Gemeinsam sind wir auch für Projekte besser aufgestellt und können mehr bewegen. Und die gemeinsamen Aktivitäten, das ist das Einzige was hilft, dass die Dekanate zusammenwachsen. Gerade in den Bereichen Gemeindepädagogik, Bildung und soziale Verantwortung ist das eine große Chance. Hier sind wir bereits gemeinsam auf dem Weg.

Haben Sie ein Best-Case-Szenario für das neue Dekanat?

Schön wäre es, wenn durch das neue Dekanat evangelische Kirche in der Stadt sichtbarer und erlebbarer für alle wird. Wenn Kirche in die Stadtgesellschaft hineinwächst und sich nicht nur um sich selbst dreht. Schön wäre es, wenn wir wegkommen von eigenen Kirchturmdenken zu einem Wir. Die diakonische Arbeit sollte sichtbarer werden. Und ich würde mir auch wünschen, dass kulturelle Angebot besser wahrgenommen werden. Dass man unter einem Dach zusammen sein kann, aber nicht als exklusiver Club. Und für alle, die im Dekanat arbeiten, ob Haupt- oder Ehrenamtliche, wünsche ich mir, dass auch künftig die Wertschätzung und der Austausch untereinander hochgehalten werden. Ich hoffe, dass in ein paar Jahren niemand mehr darüber nachdenkt, ob dieses oder jenes jetzt aus dem ehemaligen Land- oder Stadt-Dekanat kommt. Aber Abschied und Neubeginn braucht Zeit, in den Köpfen und Herzen. Ich wünsche mir, dass sich alle an diesem Prozess Beteiligten dessen bewusst sind und sich diese notwendige Zeit nehmen können für den Weg zu einem verinnerlichten Wir, das auch in der Region so wahrgenommen wird!

Hat Ihre Arbeit im DSV Ihren Blick auf Kirche verändert? Und wenn ja: wie?

Ich konnte meinen Blick hinter die Kulissen, auch der Landeskirche, vertiefen. Und ja, bei Kirche menschelt es, wie überall. Es gibt vieles, was möglich ist, aber auch vieles, was schwierig ist. Aber Kirche bietet gerade für Ehrenamtliche viele persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Ich wäre bestimmt nicht der Mensch, der ist jetzt bin, ohne diese Möglichkeiten. Aber der Blick hinter die Kulissen hat auch desillusioniert. Kirche muss sich in Zukunft mit ihren Anforderungen an die Möglichkeiten der Ehrenamtlichen anpassen. So ist es zwar gut, dass Ehrenamtliche die Chance haben, in höchste Leitungsebenen zu kommen. Aber der hohe Anspruch kann auch belastend sein, wenn man beispielsweise Beruf, Familie, persönliche Interessen und das Ehrenamt unter einen Hut bekommen möchte.

Wie sieht Ihr Bild von Kirche in der Zukunft aus?

Uns muss bewusst sein, dass wir auf dem Weg weg vom Volkskirchlichen von früher sind. Es muss eine Transformation sein im Bewusstsein, dass wir eher Minderheitenkirche sein werden, wir deshalb aber nicht weniger stark sind, wenn wir uns auf die Beziehungsebene konzentrieren. Was Kirche ausmacht und was Kirche für jeden sein kann, soll sichtbar werden. Auch für Menschen, die keinen Kontakt zur Kirche haben. Und das heißt auch, Kirche so sichtbar machen, dass der Kirchenfremde keine Angst hat, vereinnahmt zu werden, sondern in seiner eigenen Spiritualität ernstgenommen wird.

Ausführliche Hintergrundinformationen zur Fusion und dem Weg dahin gibt es auf der Seite des Dekanats:

https://dekanat-darmstadt-land.ekhn.de/ds-fusion/startseite.html

Zur Person:

Die Griesheimerin Ulrike Hoppe ist seit 2019 Vorsitzende des Dekanatssynodalvorstands. Zuvor war sie bereits seit 2015 Mitglied der Dekanatssynode. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem der Vorsitz der Dekanatssynode. Sie ist Dienstvorgesetzte der Angestellten auf Dekanatsebene und vertritt zusammen mit dem Dekan die Evangelische Kirche in der Region nach außen. Außerdem ist sie seit Ende 2018 Mitglied in der Steuerungsgruppe Fusion. Alle Tätigkeiten erfolgen ehrenamtlich.